Der kleine Junge und das Bier

Coca-Cola? Anheuser? Egal, Hauptsache Prost! (Foto: Bomsdorf)

Coca-Cola? Anheuser? Egal, Hauptsache Prost, ob mit Bier oder Coke! (Foto: Bomsdorf)

Es geht doch nichts darüber, mal wieder bei seinem alten Arbeitgeber vorbeizuschauen und sei es auch nur virtuell. Von 2012 bis 2014 habe ich für The Wall Street Journal und Dow Jones gearbeitet, zu denen auch Marketwatch gehört. Vor ein paar Tagen war dort dieser spannende kurze Text zu finden. Als kleiner Junge hatte Meb Farber, der als Erwachsener die Investmentgesellschaft Cambria mitbegründet hat, seinem Vater eine Postkarte mit Investmentideen geschrieben, darunter eine Bier-Marke: Anheuser.

Ein 12-Jähriger, der aus dem Sommercamp nach Hause ausgerechnet eine Liste mit den Aktien, die er gerne kaufen würde, schickt, klingt schon sehr speziell. Einerseits schade, dass er damals womöglich nichts anderes im Kopf hatte, andererseits schön für uns. Denn wir können sehen, dass er mit seinen Ideen ziemlich gut lag – und daraus unsere eigenen Schlüsse ziehen.

Coca-Cola, Anheuser und so weiter – auf Mebs Liste standen die großen Konsumgüter (ja, nicht nur die Hersteller von Bier und anderen Getränken), die jeder kannte. Und kaufte. Damit hätte er laut Marketwatch jährlich zwei Prozentpunkte besser abgeschnitten als der US-amerikanische S&P 500 Index. Ziemlich gut also. Beneidenswert gut.

Ein Zufallstreffer, keine Frage. Er wählte einfach, was er kannte. So etwas kann genauso gut nach hinten los gehen. Manch ein ehemals bekanntes Großunternehmen hat nämlich auch schon Konkurs anmelden müssen. Zudem gibt es sicher, dass es andere Indizes, die statt des S&P zum Vergleich hätten herangezogen werden können, gibt, die besser als Mebs Auswahl abgeschnitten haben. Welche wäre ein solcher Index sogar der bessere Vergleich gewesen, weil vom Risiko her Mebs Portfolio ähnlicher.

Das Beispiel lehrt: Hinterher ist man immer klüger und denkt „hätte ich mal“. Wen man länger drüber nachdenkt, wird, aber klar, dass auch das eigentlich nur ein Argument mehr ist, zwar zu investieren, aber breit und mit dem Markt.

Panik und Sex und warum Anleger so nicht denken sollten

In Marketing und Journalismus gibt es den alten Satz „Sex sells“ (zur Panik kommen wir später). Soll heißen, nackte Haut erregt Aufmerksamkeit und in der Werbung helfen sexy Lächeln, unbedeckte Beine (und mehr) Autos und dergleichen zu verkaufen. Im Journalismus sollen sie für Klicks und Heftabsatz sorgen. Das führt oft zu absurden Illustrationen. Journalisten nutzen Portraitbilder, die so gut wie nichts mit dem Inhalt eines Artikels zu tun haben, um diesen an den Leser zu bringen. Dann soll eine strahlende junge Frau, die sich vielleicht sogar ein Taschentuch vor den Mund hält, den Dieselskandal illustrieren. Es gibt noch viel komischere Beispiele. Die würde ich gerne zeigen. Andererseits könnte man mir dann ja vorwerfen, dass ich genauso versuchen würde mit halb oder ganz nackten Körpern für Klicks zu sorgen. Also mal ohne Bilder.

Wenn es um Börsenberichterstattung geht, wird der Sex gern durch Panik ersetzt. Die spricht schließlich genau so Instinkte an. In diesem Fall Angst (vor dem Crash) und Gier (noch schnell im Plus zu verkaufen). Dieser Tage, wo die Börsen etwas stärker schwingen, geht das ganz einfach. Mir fiel da neulich der newsletter des Handelsblatts (negativ) auf. „Ende der Party“ wurde 1m 12. Oktober getitelt – ohne Fragezeichen. „schwache Konjunktur, Angst vor einem Handelskrieg und steigende Zinsen: Die Stimmung an den internationalen Börsen könnte kaum schlechter sein. Weltweit haben Investoren einen breiten Ausverkauf von Aktien gestartet. Für Anleger gilt ab sofort verschärfte Anschnallpflicht“, ging es weiter (fett wie im Original). Achwas, es geht also nicht immer nur nach oben?

Da war ich nicht der Einzige, der sich ärgerte, dass die seriöse Wirtschaftszeitung da so wenig nüchtern die Stimmung an den Märkten beschrieb. Kollege Gerald Braunberger von der FAZ schrieb heut diesen Kommentar mit einem ebenso heftigen wie lustigen Seitenhieb auf das Handelsblatt. Was nicht heißen soll, dass die FAZ nicht manchmal ähnlich wenig stringent ist.

Wer wirklich erfolgreich investieren möchte, weiß, dass Panik kein gutes Verkaufsargument ist. Lieber nüchtern handeln und die Aufregung woanders suchen. Wer in Panik verkauft mag allenfalls kurzfristig Verluste begrenzen, langfristig wohl eher die Gewinne. Denn Privatanleger steigen üblicherweise beim Aufschwung zu spät wieder ein und realisieren vor allem hohe Handelskosten. Gewinn macht, wer sich vom Auf und Ab nicht irritieren lässt, sondern stetig und langfristig anlegt. Etwas ausführlicher erläutere ich das in diesem Beitrag.

Zu viele Deutsche begehen noch immer diesen Fehler

Der September nähert sich dem Ende und damit kommt die Allianz wieder mit ihrem alljährlichen Weltvermögensbericht Allianz Global Wealth Report. Deutsche bzw. wer in Deutschland (oder auch Österreich) lebt, erwirtschaftete auch 2017 im Schnitt eine erheblich schwächere Rendite auf sein Geld als einige Nachbarn. So lag die reale Nettorendite in Deutschland vergangenes Jahr bei knapp über 2%, in den Niederlanden und Spanien hingegen mit über 4% ungefähr doppelt so hoch.

Sicherheit, Konsum oder Chance? (Zum Vergrößern klicken, Abbildung: Allianz)

Sicherheit, Konsum oder Chance? (Zum Vergrößern klicken, Abbildung: Allianz)

Woran liegt’s?

„Spiegelbildlich liegen die deutschen Haushalte dafür in einer anderen Wertung ganz weit vorne (wiederum gemeinsam mit den Österreichern): Die Kaufkraftverluste auf Bankeinlagen stiegen allein im letzten Jahr auf etwa 400 Euro pro Kopf – Ausweis der negativen realen Renditen dieser Vermögensklasse“, schreibt die Allianz. Zwar investieren die Leute in Deutschland mittlerweile wieder mehr in Aktien und Investmentfonds, aber eben immer noch vergleichsweise wenig. Das sieht nicht nur in anderen westeuropäischen Staaten und dort vor allem in Nordeuropa anders aus, sondern auch in den USA. Langfristig profitiert, wer mehr Risiko eingeht.

Scheu vorm Risiko hat einen hohen Preis

Die Allianz legt nochmal nach: „Wachstumsspitzenreiter waren im vergangenen Jahr die norwegischen und schwedischen Haushalte, deren Geldvermögen jeweils einen Anstieg von 6,1% verzeichnete, dicht gefolgt von den Schweizern, die sich über ein Plus von 5,9% freuen durften. Im übrigen deutsch-sprachigen Raum divergierte die Entwicklung: Während Deutschland mit einem Zuwachs von 5,1% den regionalen Durchschnitt schlug, hinkte Österreich deutlich hinterher (+3,3%).Das kräftige Wachstum in Deutschland geht – wie in den Vorjahren – auf die hohen Sparanstrengungen der dortigen Haushalte zurück. Setzt man die Mittelzuflüsse in Relation zumBrutto-Geldvermögen, sind die deutschen Haushalte mit 3,7% ungeschlagene „Spar-Europameister“. Ihre nach wie vor ausgeprägte Liquiditätspräferenz führte dabei dazu, dass nirgendwo sonst in Europa die Bankeinlagen stärker wuchsen als in Deutschland.“ Und Bankeinlagen bedeuten negative Nettorendite.

Mit einem Nettogeldvermögen pro Kopf von 52 390 Euro liegt Deutschland weltweit auf Platz 18 – wie im vergangenen Jahr. Schweizer und US-Amerikaner nennen mehr als dreimal so viel ihr eigen. Dahin aufzuschließen ist ein weiter Weg, der mit viel Arbeit oder mehr Risiko einhergeht. Ich wüßte, was ich wählen würde. Und jetzt erstmal Urlaub.