Zinsen, nicht Schulden zählen

Billionen stellen die Regierungen der Erde dieser Tage zur Verfügung, um die Wirtschaft auch in Corona-Zeiten und danach am Laufen zu halten. Damit keine Abwärtsspirale entsteht, greift der Staat ein. Fragt sich: Wer soll, wer kann das bezahlen? Schließlich fallen Zinsen und Tilgung an.

Wir! Die aktuellen und künftigen Steuerzahler werden dafür aufkommen müssen und am Ende hoffentlich besser dastehen als wenn es diese teuren Programme nicht gegeben hätte. Denn eine Rettung, die jeden im Schnitt ein paar tausend Euro kostet, ist allemal besser als eine Wirtschaftskrise, die deutlich höhere Verluste mit sich bringt.

Wie erdrückend ist die Schuldenlast?

Verständlicherweise gibt es Zweifel an der Leistungsfähigkeit von Staat und Steuerzahlern. Denn was, wenn die Schuldenlast alles erdrückt? Zweifelsohne auch für Anleger eine interessante Frage – ganz klar, was Investitionen in Staatsanleihen angeht, aber auch wegen der Folgewirkungen die in Aktien.

Dazu ein kurzer Verweis auf zwei aktuelle Analysen. Sowohl Marcel Fratzscher, Direktor des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), als auch der Wirtschaftsjournalist Mark Schieritz rechnen vor, wie es mit der Staatsverschuldung weitergehen könnte. Fratzscher in Die Welt und Schieritz in Die Zeit.

Beide sind gewiss keine „Neoliberalen“  und machen klar, dass das  oft zitierten Maastricht-Kriterium Schuldenquote (die soll 60% des BIP nicht übersteigen) nicht so relevant ist, wie man als Laie annehmen könnte, weil der Begriff so häufig fällt.

Zins und Zinseszins belasten relativ

Was letztlich zählt, ist die Zinslast und wie gut der Staat diese Schultern kann. Beispiel Deutschland:

„[D]ie relevante Zahl [ist] nicht die Staatsverschuldung in Euro oder relativ zur Wirtschaftsleistung [..], sondern was der deutsche Staat dafür an Zinsen zahlen muss“,

so Fratzscher und weiter:

„2019 hat die Bundesregierung 11,9 Milliarden Euro an Zinsen auf ihre Schulden bezahlt. Das sind 0,4 Prozent der Wirtschaftsleistung oder 0,9 Prozent der gesamten staatlichen Einnahmen. Unter Berücksichtigung der Länder und Kommunen macht diese Quote des Schuldendienstes wenig mehr als 1,3 Prozent der Einnahmen aus. “

Schieritz stellt eine ähnliche Berechnung an:

„Wenn das Wirtschaftswachstum in den kommenden Jahren im Schnitt eineinhalb Prozent beträgt und die Zinsen bei null Prozent liegen, dann müsste die Regierung einen Primärüberschuss von einem Prozent erwirtschaften, damit die Schuldenquote in zehn Jahren wieder auf den Stand von Anfang 2020 fällt. Wenn für dieses Ziel 20 Jahre angesetzt werden, dann reicht sogar ein ausgeglichener Primärhaushalt. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahrzehnt lag Deutschlands Überschuss immer bei über zwei Prozent.“

Er schlussfolgert:

„Das bedeutet: Auch wenn das Staatsdefizit derzeit rasant ansteigt – falls die Wirtschaft nicht komplett abstürzt und falls die Zinsen nicht deutlich steigen, dürfte sich die Staatsverschuldung auch ohne einschneidende Sparmaßnahmen oder Steuererhöhungen wieder unter Kontrolle bringen lassen.“

Zeit und Welt lesen lohnt

Die beiden bringen noch jeweils zwei weitere Gründe an, wieso es trotz der massiven Ausgabenerhöhung nicht zu Steuererhöhungen kommen muss – lesenswert für Anleger und eigentliche alle Bürger. Schließlich ist es unser Geld. (Mehr zu Zins und finanziellem Basiswissen hier.)

Fratzscher hat übrigens in Schieritz Zeit vor gut einem Jahr vorgeschlagen, Deutschland solle auch einen Staatsfonds wie Norwegen aufbauen. Anlass war damals Kevin Kühnerts Gedanke einer Kollektivierung von BMW (Die in den Medien tüchtig aufgebauscht wurde. Wer sich das Gespräch mit Kühnert in der Zeit 2019 wirklich durchgelesen hat, wusste: alles halb so wild.). Auch lesenswert: Interview mit Fratzscher in der FAZ vom 30.4.2020: „Corona-Krise ist letzter Sargnagel für den Neoliberalismus“.

Ist die Rente von Volker Looman sicher?

Sekt oder Selters, Volker Looman? Champagner und Eis! (Foto: Bomsdorf)

Sekt oder Selters? Champagner und Eis! (Foto: Bomsdorf)

Dienstag ist Looman-Tag. In der FAZ. Der Finanzanalytiker Volker Looman aus aktuell Berlin und Dresden (es waren auch schon Stuttgart und Bremen wenn ich mich richtig erinnere) schreibt seit einer gefühlten Ewigkeit eine wöchentliche Finanzkolumne in der FAZ: Volker Loomans Vermögensfrage.

Heute startet er mit Norbert Blüms Ausspruch „Die Rente ist sicher“ und fragt sich: wie sicher? Machen wir es kurz: Sie ist sicher, aber ziemlich sicher auch kein vergleichsweise gutes Investment, rechnet Volker Looman vor.

Dabei schaut er, wie hoch die Rendite auf den Rentenbeitrag einer fiktiven Person ist. Die ist vergangenes Jahr, also 2019, in Rente gegangen und hat seit 1975 gearbeitet.

3000 Euro monatlich, lebenslang!

Looman wäre nicht Looman, wenn er nicht von einem Besserverdienenden ausginge. Also lag der monatliche Beitrag immer beim Maximum. So wurden aus eingezahlten rund 210.000 Euro (mal zwei mit Arbeitgeberanteil) eine lebenslange Rente von knapp 3000 Euro monatlich.

Wer 85 Jahre alt wird, kommt damit auf eine Rendite von immerhin 5,5 % pro Jahr, ein paar Jährchen mehr Rente und insgesamt 24 Jahre davon erleben und schon steigt die Rendite auf 7 %. Schließlich wird die lebenslange monatliche Rente dann ja länger bezogen.

Dann rechnet Looman weiter und schaut, wie das Ergebnis ausgesehen hätte, hätte der fiktive Rentner statt in die staatliche Rentenversicherung in eine private Altersvorsorge auf DAX-Basis eingezahlt. Also jeden Monat statt Beiträge abzuführen, DAX-Anteile gekauft.

Mehr als 6000 Euro monatlich – mit Aktien

Seine Schlussfolgerung: „Mich haben die Zahlen im wahrsten Sinne des Wortes umgehauen, weil ich mit diesen Ergebnissen nie und nimmer gerechnet habe.“

Denn wer noch 24 Jahre von der Rente erlebt, kann sich laut Looman fast 6500 Euro pro Monat auszahlen lassen – mehr also doppelt so viel wie im Beispiel mit der gesetzlichen Rente. Und dabei hat Looman hier sogar noch den Kurssturz dieses Frühjahr mitgerechnet.

Natürlich ist das ein Fall mit Rückschau und niemand kann versprechen, dass auch in der Zukunft die kapitalgedeckte Atersvorsorge bei Mut zu einem gewissen Risiko wieder so gut abschneidet.

Es spricht aber einiges dafür, dass sie es in Relation zur gesetzlichen Rente tut. Denn deren Finanzierbarkeit und Höhe hängt langfristige letztlich von der ökonomischen Lage ab – die wiederrum die Aussicht der Unternehmen widerspiegelt.

Soll heißen: Wenn die Wirtschaft über einen längeren Zeitraum am Boden liegt, dürfte es auch um die gesetzliche Rente schlecht bestellt sein. Reihen sich jedoch überwiegend solide Jahrzehnte an überwiegend solide Jahrzehnte, geht es beiden gut, der kapitalgedeckten Vorsorge aber noch besser.

Mutlose Deutsche?

So ist es kein Wunder, dass Looman es gerne sähe, dass mehr Geld statt in die klassische Rentenversicherung in die Märkte flösse. Doch dafür seien die Deutschen, so der deutsche Finanzanalytiker, zu mutlos. Anders als etwa China, Schweden oder eben: Norwegen.

Wie gut, dass jeder es selber in der Hand hat, mit dem Geld, das nicht in die gesetzliche fliesst, eine eigene kapitalgedeckte Vorsorge a la Norwegen aufzubauen.

Bloß nicht alles in den DAX!

Das heißt aber auch: Bloß nicht alles in den DAX! Lieber breit streuen. Findet auch Looman, er nahm den deutschen Leitindex nur, weil ein Leser es angeregt hatte.  Für die, die anfangen wollen einen eigenen Pensionsfonds aufzubauen, hat Looman ETF-Beispiele zur Hand. Mehr gibt’s im Buch zum norwegischen Ölfonds ;-).

Schorsch Kamerun, VW und die Ruhrtriennale

Reden kann er und singen sowieso: Schorsch Kamerun, Sänger („Die Goldenen Zitronen“), Autor und Regisseur. Es war eine Freude, ihn kürzlich im Deutschlandfunk Kultur zu hören. Die Vorfreude auf sein „M“ in München ist groß. Was er zu „VW“ gesagt hat, bleibt dahinter zurück.

Schade nur, dass das großen Teils berechtigte Lamentieren über schlechte Bedingungen für die Kultur am Ende (letzte Interview-Minute) mal wieder nach Opferhaltung und klischeehaftem Klagen über die übermächtigen Konzerne klang und nicht nur polemisch.

So etwas wie man sich mit der Absage der Ruhrtriennale (wegen Corona) erlaubt habe, das würde man mit Volkswagen nie machen, so Schorsch Kamerun im Deutschlandfunk Kultur. So verkürzt dahingeworfen klang das, als habe die Politik sich mal wieder den Interessen „des Kapitals“ gebeugt und sei die Autoindustrie oder zumindest der VW-Konzern von den Maßnahmen zur Eindämmung von Corona ausgenommen und unbeschadet.

Gute Kunst hier, böses Kapital da. Klischee überall.

VW ist nicht abgesagt worden, das stimmt (wie auch soll ein Autokonzern abgesagt werden?), aber hart getroffen. Dazu hier nur einmal ein aktuelles Beispiel eines Berichts bei Börse Online. Warum also der Einwurf? Weil die Hörer vom Theatermagazin, in dem das Interview lief, wie auch der Moderator so etwas unhinterfragt und vermutlich sogar innerlich beklatschend hinnehmen? Kameruns Einwurfe mag polemisch gemeint gewesen sein, klang aber mehr als das und vielleicht glaubt es ja sogar jemand 100%: Gute Kunst hier, böses Kapital da. Klischee überall.

Doch so einfach ist es nicht. Die Bösen und Mächtigen sind immer die anderen und die sind immer böse und mächtig ist ein Narrativ, das (zum Glück) selten stimmt. Im einfachsten Fall vereinfacht es nur stark, doch es kann auch eine Debatte vergiften (nicht zuletzt die um Aktien).

Was uns wieder zurück ins Feuilleton bringt und zugleich in der Wirtschaft bleiben lässt. Claudius Seidl, ein Freund der Kultur, schreibt heute in der Frankfurter Allgeminen Sonntagszeitung unter dem Titel „Alle sind verblendet“ vom „populäre[n] linke[n] Verdacht, wonach an fast allen Übeln der Welt ein abstrakter Bösewicht namens Neoliberalismus Schuld habe“.

Musik! (s.o.)