Wie stark boomt Nachhaltigkeit wirklich?

Kurs Nachhaltigkeit? Svalbard (Foto: Bomsdorf)

Kurs Nachhaltigkeit? Schiff vor Svalbard (Foto: Bomsdorf)

Mit gutem Gewissen Geld anlegen wollen glücklicherweise nicht mehr nur ein paar Kleinanleger. Doch es gibt auch Probleme bei der Nachhaltigkeit (hier andere Texte von mir zum Thema). Heute hier ein kurzer Blick auf eins, von dem viel gelernt werden kann.

Nicht immer sind Produkte so grün wie sie zu sein vorgeben. Das ist schade und oft Thema – wie heute in der FAS (S. 26). In dem Text steht gleich zu Anfang ein Satz mit auf den ersten Blick beeindruckenden Zahlen. Hier erläutere ich ganz kurz, warum man sich von denen nicht blenden lassen sollte und was das für Geldanlage (und viel mehr) lehren kann.

„2019 waren in Deutschland laut dem Forum Nachhaltige Geldanlagen schon rund 270 Milliarden Euro nachhaltig angelegt, 23 Prozent mehr als im Vorjahr“, heißt es da. Der FAS vertrau ich, die Zahlen dürften stimmen. 270 Milliarden Euro und ein Plus von 23 % klingen beeindruckend. Vielleicht sogar beeindruckender als sie sind. Warum sei hier an der zweiten Zahl erläutert.

Rendite nicht vergessen!

Wovon hängt denn die Entwicklung eines Anlagevolumens ab? Nehmen wir mal das eigene Depot – da gibt es Zu- und Abflüsse. Die beruhen meist auf bewussten Kauf- und Verkaufsentscheidungen. Der zitierte Satz lässt viele Leser sicher daran denken, dass sich halt so viele neu für nachhaltige Geldanlage entschieden oder zusätzliches Geld in diese investiert haben, dass das Volumen um 23 % gestiegen ist.

Wer kein ganz kleines Depot mehr hat, für den dürfte häufig dessen Wertentwicklung zumindest in überdurchschnittlich starken Jahren eine größere Rolle als die Zuflüsse spielen. 2019 war ein besonderes gutes Jahr an den internationalen Aktienmärkten – Dividenden reinvestiert legte der MSCI World um 30 % zu (eine schöne Übersieht bieten die Kollegen von Dividendenadel hier).

Der nachhaltige MSCI World SRI liegt sehr nah am MSCI World – schneidet mal ein bisschen besser, mal ein bisschen schlechter ab. Um auch Schwellenländer miteinzubeziehen, sollte der MSCI ACWI angeschaut werden – den gibt es allerdings leider nicht als Renditedreieck bei Dividendenadel, dafür natürlich hier bei MSCI. In seiner nachhaltigen Variante legte der auch ohne reinvestierte Dividenden 2019 um satte 29 % zu.

23 % Plus sind toll – oder auch nicht

Und schon sind die 23 % Plus bei Nachhaltigkeit nicht mehr so beeindruckend. Denn an allzu großen Zuflüssen, also bewussten Entscheidungen zusätzliches Geld nachhaltig zu investieren, dürfte das Plus nicht liegen. Je nachdem, wo genau das Geld investiert war, könnte sogar einiges abgeflossen sein. Schließlich sind 23 % weniger als 30 %.

Was es zu lernen gibt? Zahlen sind oft erst aussagekräftig, wenn es gute Vergleichsgrößen gibt. Das gilt hier genauso wie bei Geldanlage generell – was gut aussieht, ist nicht mehr so gut, wenn es im Vergleich unterdurchschnittlich gut ist. Ähnliches gilt auch anderswo, z.B. bei der Gehaltsentwicklung. Ein Plus von 27% über 12 Jahre sieht im Vergleich mit der Inflation nicht mehr ganz so gut aus (darum oft netto-Zahlen verwenden).

Zu den 270 Milliarden Euro Nachhaltigkeit aus dem obigen Zitat nur ein Gedankenspiel, keine Berechnung: Welchen Anteil hat nachhaltige Geldanlage wohl am derzeitigen gesamten investierten Volumen? Und wie hat sich der Anteil 2019 entwickelt? Eine Idee gibt es ganz schnell: einfach Volumen erstmal in Relation zur ungefähren Einwohnerzahl Deutschlands setzen.

Noch ein Hinweis: Nachhaltige Indizes entwickeln sich üblicherweise historisch nicht deutlich schlechter als die Indizes, auf denen sie aufbauen (oben also MSCI World SRI im Vergleich zu MSCI World). Das bleibt in dem FAS-Text leider unerwähnt, weshalb mancher Leser denken könnte, wenn nachhaltig, dann aktiv gemanaget. Schließlich weist die FAS darauf hin, dass es Probleme bei der Auswahl gibt, die starke nachhaltige Unternehmen ignorieren könnten. Dementsprechend werden auch nur Fondsmanager bei Banken und dergleichen zitiert und ETFs spielen keine Rolle.

Reich wie.. Thomas Gottschalk

Klar, so viel wie Thomas Gottschalk verdienen die wenigsten. Aber wir alle haben die Chance ein wenig so reich zu werden wie er. Und zwar so.

200.000 Euro soll Gottschalk laut Geburtstagsportrait in Der Spiegel zuletzt fürs Moderieren einer Folge von “Wetten, dass.?.” bekommen haben und Werbeverträge wie die mit Haribo oder McDonald’s dürften wohl noch eine Liga höher gespielt haben. Kurz und gut, Gottschalk dürfte Multimillionär sein. Aber auch von denen sind viele verarmt. Weil sie schlecht mit Geld umgehen konnten.

Gottschalk’sche Gelassenheit

MSCI World 2006-2020

Wetten, dass.. es am Ende immer aufwärts geht?

Bei Gottschalk scheint das anders und genau das können wir von ihm lernen. Hier geht es um seine Methode zu investieren. Der Entertainer hat tatsächlich völlig verinnerlicht, dass Markettiming keine gute Idee ist, Gelassenheit in Gelddingen aber schon.

Spiegel-Autor Arno Frank erzählt, dass Gottschalk gehört hatte, dass die Aktienkurse wegen der Corona-Krise im freien Fall seien. Da wollte er doch mal einen Blick in sein Portfolio werden, fand aber das Passwort nicht. Was ihn wiederum nicht gestört zu haben scheint. Zum Glück bzw. zu recht, denn die Kurse gingen wieder steil nach oben.

Diese 4 Lehren sollte jeder beherzigen

Mal ganz kurz Punkt für Punkt, was Thomas Gottschalk uns hier lehren kann:

  1. MSCI World 2019-2020 - Kennt Thomas Gottschalk den?

    Wetten, dass.. dieser Chart bei vielen Herzrasen verursacht, nicht aber bei Thomas Gottschalk?

    Gottschalk hat nur gehört, dass die Aktienkurse wegen der Corona-Krise im freien Fall seien = Gottschalk lässt sich nicht verrückt machen, in dem er ständig Nachrichten checkt und versucht darauf zu reagieren, sondern nimmt halt einfach wahr, was so gesagt wird und nimmt es gelassen hin.

  2. Gottschalk wollte einen Blick in sein Portfolio kaufen =  Gottschalk hatte gar nicht daran gedacht, panisch zu reagieren, sondern war einfach neugierig.
  3. Gottschalk hatte sein Passwort vergessen = Gottschalk geht mit dem Markt und hat sich auch vor Corona-Zeiten nicht laufend eingeloggt um zu kaufen oder verkaufen. (Gut, Passwort vergessen ist vielleicht nichts, das gelernt werden sollte, aber ein guter langfristiger Investor kommt damit klar, wenn er mal nicht ans Portfolio kommt.)

Das Ganze entzerrt: MSCI World März-Mai 2020.

Das Ganze entzerrt: MSCI World März-Mai 2020.

 

Ohne zu wissen was (und wieviel) Thomas Gottschalk in seinem Depot hat, können wir erkennen, dass er wesentliche Ansätze der norwegischen Strategie verinnerlicht hat: er agiert langfristig, stetig und setzt nicht auf Markettiming.

Drei Charts des MSCI World – bei allen habe ich bewusst die selbe Skala gewählt – zeigen, wieso das sinnvoll ist und warum ein entzerrter und ein langfristiger Blick der Panik entgegenwirken können.

Zinsen, nicht Schulden zählen

Billionen stellen die Regierungen der Erde dieser Tage zur Verfügung, um die Wirtschaft auch in Corona-Zeiten und danach am Laufen zu halten. Damit keine Abwärtsspirale entsteht, greift der Staat ein. Fragt sich: Wer soll, wer kann das bezahlen? Schließlich fallen Zinsen und Tilgung an.

Wir! Die aktuellen und künftigen Steuerzahler werden dafür aufkommen müssen und am Ende hoffentlich besser dastehen als wenn es diese teuren Programme nicht gegeben hätte. Denn eine Rettung, die jeden im Schnitt ein paar tausend Euro kostet, ist allemal besser als eine Wirtschaftskrise, die deutlich höhere Verluste mit sich bringt.

Wie erdrückend ist die Schuldenlast?

Verständlicherweise gibt es Zweifel an der Leistungsfähigkeit von Staat und Steuerzahlern. Denn was, wenn die Schuldenlast alles erdrückt? Zweifelsohne auch für Anleger eine interessante Frage – ganz klar, was Investitionen in Staatsanleihen angeht, aber auch wegen der Folgewirkungen die in Aktien.

Dazu ein kurzer Verweis auf zwei aktuelle Analysen. Sowohl Marcel Fratzscher, Direktor des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), als auch der Wirtschaftsjournalist Mark Schieritz rechnen vor, wie es mit der Staatsverschuldung weitergehen könnte. Fratzscher in Die Welt und Schieritz in Die Zeit.

Beide sind gewiss keine “Neoliberalen”  und machen klar, dass das  oft zitierten Maastricht-Kriterium Schuldenquote (die soll 60% des BIP nicht übersteigen) nicht so relevant ist, wie man als Laie annehmen könnte, weil der Begriff so häufig fällt.

Zins und Zinseszins belasten relativ

Was letztlich zählt, ist die Zinslast und wie gut der Staat diese Schultern kann. Beispiel Deutschland:

“[D]ie relevante Zahl [ist] nicht die Staatsverschuldung in Euro oder relativ zur Wirtschaftsleistung [..], sondern was der deutsche Staat dafür an Zinsen zahlen muss”,

so Fratzscher und weiter:

“2019 hat die Bundesregierung 11,9 Milliarden Euro an Zinsen auf ihre Schulden bezahlt. Das sind 0,4 Prozent der Wirtschaftsleistung oder 0,9 Prozent der gesamten staatlichen Einnahmen. Unter Berücksichtigung der Länder und Kommunen macht diese Quote des Schuldendienstes wenig mehr als 1,3 Prozent der Einnahmen aus. ”

Schieritz stellt eine ähnliche Berechnung an:

“Wenn das Wirtschaftswachstum in den kommenden Jahren im Schnitt eineinhalb Prozent beträgt und die Zinsen bei null Prozent liegen, dann müsste die Regierung einen Primärüberschuss von einem Prozent erwirtschaften, damit die Schuldenquote in zehn Jahren wieder auf den Stand von Anfang 2020 fällt. Wenn für dieses Ziel 20 Jahre angesetzt werden, dann reicht sogar ein ausgeglichener Primärhaushalt. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahrzehnt lag Deutschlands Überschuss immer bei über zwei Prozent.”

Er schlussfolgert:

“Das bedeutet: Auch wenn das Staatsdefizit derzeit rasant ansteigt – falls die Wirtschaft nicht komplett abstürzt und falls die Zinsen nicht deutlich steigen, dürfte sich die Staatsverschuldung auch ohne einschneidende Sparmaßnahmen oder Steuererhöhungen wieder unter Kontrolle bringen lassen.”

Zeit und Welt lesen lohnt

Die beiden bringen noch jeweils zwei weitere Gründe an, wieso es trotz der massiven Ausgabenerhöhung nicht zu Steuererhöhungen kommen muss – lesenswert für Anleger und eigentliche alle Bürger. Schließlich ist es unser Geld. (Mehr zu Zins und finanziellem Basiswissen hier.)

Fratzscher hat übrigens in Schieritz Zeit vor gut einem Jahr vorgeschlagen, Deutschland solle auch einen Staatsfonds wie Norwegen aufbauen. Anlass war damals Kevin Kühnerts Gedanke einer Kollektivierung von BMW (Die in den Medien tüchtig aufgebauscht wurde. Wer sich das Gespräch mit Kühnert in der Zeit 2019 wirklich durchgelesen hat, wusste: alles halb so wild.). Auch lesenswert: Interview mit Fratzscher in der FAZ vom 30.4.2020: „Corona-Krise ist letzter Sargnagel für den Neoliberalismus“.